Ein Interview mit Daniel Bogner-Haslbeck

2024 haben wir uns das zweite Mal bilanzieren lassen. Die GWÖ-Bilanz dient uns als internes Transformations-Instrument, welches unseren Reflexionsprozess fördert. Es zeigt uns, wo Möglichkeiten und Chancen für SEMPACT liegen, um unsere Nachhaltigkeit weiter zu stärken. Gleichzeitig zeigt das Tool, wo wir bereits gut sind, und ermöglicht eine Vergleichbarkeit mit anderen GWÖ-bilanzierten Unternehmen.

Wir möchten andere Unternehmen überzeugen, ebenfalls den Weg der Nachhaltigkeit einzuschlagen, denn nur gemeinsam können wir etwas bewegen.
Zur Bilanzierung haben wir einen ausführlichen Bericht erstellt, unser Handeln fürs Gemeinwohl mit Punkten bewerten und im Anschluss durch einen externen Auditor auditieren lassen. Wir haben uns dieses Jahr um ca. 100 Punkte im Vergleich zu vor zwei Jahren verbessert. Ein absoluter Erfolg, den wir vor allem unserem Mitarbeiter Daniel Bogner-Haslbeck verdanken. Er initiiert und leitet das Projekt bei SEMPACT. Wie genau erzählt er in einem Interview.
Wie lange kennst du GWÖ bereits und wie
lange beschäftigst du dich mit dem Thema bei SEMPACT?
Ich habe die GWÖ Ende 2019 durch einen Vortrag in einer Buchhandlung kennengelernt. Dort wurde die Gemeinwohl-Ökonomie als eines von vielen alternativen Nachhaltigkeitskonzepten vorgestellt. Die Auseinandersetzung im Anschluss hat meine Sichtweise erweitert.
Bisher lag mein persönlicher Fokus auf dem ökologischen Aspekt von Nachhaltigkeit – durch die GWÖ habe ich auch den Blick auf das Miteinander bekommen. Die Aspekte Menschenwürde, Solidarität und Mitbestimmung nehmen einen hohen Stellenwert ein und bilden bei der GWÖ die Basis dafür, dass Unternehmen auf Ihre Umwelt achten können und trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sind.
Ein halbes Jahr nach meinem ersten Kontakt mit dem Thema GWÖ habe ich bei SEMPACT zu arbeiten begonnen. Meine Aufgabe neben meiner Beratertätigkeit als Energieeffizienzcoach für den deutschen Mittelstand war die Einführung des Gemeinwohlgedankens bei SEMPACT – ein perfekter Match für mich, der mir bis heute viel Freude bereitet.
Bitte beschreibe zum Einstieg welche Rolle du
bei der GWÖ-Bilanzierung von SEMPACT hast.
Meine Rolle bei SEMPACT war es, die GWÖ einzuführen und zum Leben zu erwecken – dass sie Teil unseres täglichen Handelns und Entscheidungsgrundlage wird.
Die GWÖ hat einen universellen Charakter, da sie für möglichst viele Branchen und Unternehmensgrößen einen Rahmen zur Entwicklung hin zu Nachhaltigkeit bieten möchte. Diesen Rahmen kann jedes Unternehmen für sich anpassen. Meine Aufgabe war die Fokussierung und der Blick auf das für uns Wesentliche.

Welchen Bezug hast du persönlich zu dem Thema?
Über die Regionalgruppen der GWÖ habe ich Menschen kennengelernt, die mich persönlich zum Wandel bewegt haben. Ich lebe inzwischen vegan, habe mich mit meinen Bankkonten auseinandergesetzt und mein Geld nachhaltig angelegt.
Es gibt aus meiner Sicht viele hervorragend arbeitende NGOs und Vereine – aber mit ihrem ganzheitlichen Blick auf Nachhaltigkeit in der Wirtschaft hat die GWÖ ein Alleinstellungsmerkmal. Das empfinde ich als essenziell, denn es gibt für mich in diesem Kontext keinen treffenderen Satz als den von Dr. med. Eckart von Hirschhausen:
„ […] es ist schwer, ehrenamtlich die Welt zu retten, wenn andere sie hauptberuflich zerstören.“
Ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Wirtschaft am Wohl der Menschheit ausrichten können. Deshalb ist die GWÖ-Bewegung für mich eine soziale Innovation, die ich als konkret und anwendbar empfinde. Sie ist auf unternehmerischer und privater Ebene in den Alltag integrierbar.
Was macht aus deiner Sicht eine
erfolgreiche GWÖ-Bilanzierung aus?

Erfolgreich ist eine GWÖ-Bilanzierung für mich dann, wenn der Prozess im Unternehmen zu Veränderung führt. Wenn der Prozess die Mitarbeitenden motiviert, Themen im Unternehmen anzugehen und zu verbessern. Wichtig ist dabei für mich, dass Nutzen und Aufwand in einem gesunden Verhältnis stehen. Deshalb ist auch die Auseinandersetzung mit der Wesentlichkeit entscheidend für den Erfolg der GWÖ-Einführung.
Was ich auch gut finde, ist, dass der Bilanzierungsprozess interne Konfliktthemen zu Tage bringt. Bei uns war das zum Beispiel das Thema Arbeitszeitmodelle – Was ist Teilzeit, was ist Vollzeit? Ist die 30 Stundenwoche als Berater für SEMPACT tragbar?
Zudem finde ich, dass die GWÖ nur dann erfolgreich im Unternehmen implementiert werden kann, wenn viele Mitarbeitenden in den Prozess involviert sind. Die GWÖ sollte also nicht in einem spezifischen Fachbereich laufen, sondern als Organisationsentwicklung gelebt werden.
Ich möchte auch noch erwähnen, dass der Fokus nicht auf der Bilanzierung liegen sollte. Diese findet nämlich nur alle 2 Jahre statt. Richtigen Mehrwert bringt die GWÖ als Managementtool dann, wenn das Wirtschaften des Unternehmens an den Prinzipien der GWÖ ausgerichtet wird.
Welche Aspekte davon erfüllen wir bei
SEMPACT bereits?
Wir sind noch im Übergang, wir sind ein kleines Unternehmen. Viele der Werte haben sich eingeschlichen oder sind schon recht konkret hinterlegt worden. Zum Beispiel bei Entscheidungen zu Versicherungen oder der Auswahl von neuen Lieferanten.
Wo siehst du noch Verbesserungspotenzial
bei SEMPACT?
Uns fehlen noch Entscheidungsgrundlagen oder -vorlagen, damit alle Mitarbeitenden von SEMPACT Entscheidungen auf gleichen Grundlagen treffen können. Auch sollten wir unsere eigenen SEMPACT-Werte mit der GWÖ-Matrix noch in Einklang bringen. Wo sind Überschneidungen? Abgrenzungen? Ergänzungen? Wir vermuten, dass an manchen Stellen nur andere Worte stehen, aber der gleiche Inhalt gemeint ist.
Ein weiteres Verbesserungspotenzial sehe ich im konstanten Hinterfragen unserer Verantwortung als Unternehmen. Wie können wir unsere Werte am Markt und gegenüber den Mitarbeitenden durchsetzen, ohne übergriffig zu werden? Eine unserer Fragen ist immer wieder die Ernährung während der Arbeitszeit, bei Geschäftsreisen und bei von uns organisierten Veranstaltungen. Da wir als einen unserer Unternehmenswerte “Bewusstheit“ haben stelle ich mir immer wieder die Fragen: „Wie steht das im Zusammenhang mit unserer Ernährung? Wie weit können und wollen wir als SEMPACT noch mehr Bewusstheit für ressourcenschonende Ernährungsweisen schaffen?“ Diese Themen müssen wir noch mit dem gesamten Team diskutieren und in Einklang bringen.
Hintergrundwissen Gemeinwohlökonomie
Das Wort Gemeinwohl kommt aus der griechischen Antike und bedeutet das gemeinsame Interesse möglichst vieler Mitglieder einer Gesellschaft. Also so zu handeln, dass es für die Allgemeinheit von Vorteil ist.
Auch im Grundgesetz der Deutschen Bundesrepublik ist das Gemeinwohl verankert:
Das deutsche Grundgesetz macht in Artikel 14 deutlich, dass jeder der Eigentum besitz damit auch eine Verantwortung gegenüber anderen Menschen hat. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Bedeutet, dass Besitzer von Eigentum verpflichtet sind, möglichen Nutzen und Schaden für andere abzuwägen.
Zudem sind Bund, Länder und Kommunen zum Gemeinwohl verpflichtet. Das bedeutet, sie sollen sich bei allen Entscheidungen an den Interessen der Allgemeinheit orientieren.
Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein Entwurf für ein besseres Wirtschaftssystem. Die Idee wurde 2010 von Christian Felber geboren. Er ist der Meinung, dass die Regeln unseres globalen Wirtschaftssystems den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft widersprechen. Im Moment konzentrieren Unternehmen sich vor allem auf den finanziellen Erfolg. Damit entstehen aber Folgekosten (zum Beispiel Umweltbelastung oder psychische Überlastung von Mitarbeitenden), welche die Allgemeinheit bezahlen muss.
Das möchte die GWÖ ändern. Anstatt nur auf mehr Geld zu achten, sollen sich die Unternehmen am Gemeinwohl orientieren. Ziel ist ein Wirtschaftssystem, welches Anreize für ethisches Handeln schafft.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die Gemeinwohl-Ökonomie sich nicht als fertiges Modell versteht. Sie ist offen für Entwicklung und Austausch mit anderen alternativen Wirtschaftsmodellen.
Die Bilanzierung von Unternehmen, Kommunen und Einzelunternehmer:innen ermöglicht deren wirtschaftliches Handeln zu messen und vergleichbar zu machen. Die GWÖ-Bilanz betrachtet die vier Kriterien Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz und Mitentscheidung.
In jeder Kategorie werden Punkte vergeben. Für Umweltbelastung oder Entlassung von Mitarbeitenden gibt es Abzüge, für Mitbestimmung der Mitarbeitenden Pluspunkte. Insgesamt geht die Punkteskala von -3600 bis +1000 Punkten. 0 Punkte bekommen die Unternehmen, die alle gesetzlichen Standards einhalten.
Alle Punkte zusammen mit einem Bericht und einem externen Audit ergeben die Gemeinwohl-Bilanz. Diese wird online veröffentlicht und ermöglicht einen Vergleich unter den GWÖ-bilanzierten Institutionen, sowie für eine Organisation von der letzten zur Folgebilanz.
Wo siehst du bisher die größten Auswirkungen durch die Einführung der GWÖ bei SEMPACT?
Die größte Auswirkung auf das Gemeinwohl sehe ich bei SEMPACT bei den Reisetätigkeiten. Als Beratungsunternehmen sind wir viel unterwegs und bisher war das fast ausschließlich mit dem Auto. Seit der ersten GWÖ-Bilanzierung und unserer damit einhergehenden CO2-Bilanz sind viele Berater und Beraterinnen auf die Bahn umgestiegen. Zumindest überlegen wir inzwischen vor jeder Reise, was die sinnvollere Alternative ist: Auto oder Bahn?
Auch insgesamt haben wir unser Mobilitätskonzept überdacht: Statt jedem Berater oder jeder Beraterin ein Geschäftswagen zur Verfügung zu stellen, gibt es inzwischen ein elektrisches Pool-Fahrzeug und Bahncards. Wir nehmen das Auto als eine Möglichkeit der Fortbewegung wahr, aber nicht als die Einzige. Hinsichtlich unserer Kunden haben wir auch eine Veränderung hinter uns: Wir akzeptieren viel weniger „Scheinheiliges Gejammer“ warum bestimmte Norm-Abweichungen nicht umgesetzt werden konnte. Wir suchen uns unsere Kunden noch bewusster aus und arbeiten vermehrt mit Unternehmen zusammen, die sich ernsthaft mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen und Bereitschaft zur Transformation zeigen.
Fallen dir Beispiele für verändertes Wissen/ Bewusstsein/ Einstellung ein?
Unsere erste Klimabilanz wurde durch unsere erste GWÖ-Bilanz angestoßen und umgesetzt. So haben wir mehr zahlenbasierte Stellschrauben, um unsere Auswirkungen auf das Klima zu reduzieren.
Zudem empfinde ich das Team von SEMPACT viel mehr als Einheit. Wir denken alle systemischer und agieren als Einheit, um unsere Ziele zu erreichen.
Fällt dir ein Beispiel für verändertes Handeln ein?
Mit fällt auf, dass die Rechtfertigung für vormals rein ethische Entscheidungen weggefallen ist. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SEMPACT haben sich automatisch schon für eine nachhaltige Lösung entschieden, und dann vielleicht doch noch so einen Funken schlechtes Gewissen gehabt, weil diese manchmal mit Mehrkosten verbunden ist. Jetzt auf Basis der GWÖ ist die Entscheidungsgrundlage klar. Ich sehe auch viel mehr Absprachen bezüglich Reisetätigkeiten und das gemeinsame Angehen von Projekten.
Wer profitiert deiner Meinung nach am meisten von der GWÖ-Bilanz bei SEMPACT und warum?
Ich – weil es mir unglaublich Spaß macht. Ich lerne stetig dazu – fachlich und als Person. SEMPACT profitiert als Unternehmen in Sachen CO2-Reduktion und auch durch Kostenreduktion, indem wir auf Geschäftswagen verzichten.
In der Beziehung mit unseren Lieferanten profitieren wir von langfristigen Beziehungen und das Gemeinwohl profitiert wiederum davon, dass wir Lieferanten wählen, denen Nachhaltigkeit auch am Herzen liegt. Zum Beispiel WEtell oder Studio Leeflang, die auch sehr nachhaltig aufgestellt sind.
Könnten auch unerwünschte Wirkungen durch die Einführung der GWÖ-Bilanz auftreten?
Wenn ja, welche und warum?
Mit Sicherheit kann es zu unerwünschten Wirkungen durch die Einführung der GWÖ kommen.
Überforderung kann dann auftreten, wenn die Einführung nicht gut dossiert ist und die Arbeitslast nicht gut verteilt und getaktet wird.
Durch den Prozess kann es zu einer gewissen Ernüchterung oder Schockstarre unter den Mitarbeitenden kommen. Oft denken engagierte Geschäftsführer oder Nachhaltigkeitsmanager, dass das eigene Unternehmen gut aufgestellt ist. Aber bei der Vielzahl der GWÖ-Themen erfahren sie dann, dass sie noch viel Potenzial haben. Interne Konflikte können zu Tage treten und man sollte aufpassen, dass es kein interner Wettbewerb wird. Jeder trägt in seinem Maß und mit den ihm oder ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dazu bei, das Unternehmen nachhaltiger aufzustellen.
Was konkret müsste an der Durchführung verändert werden, um diese unerwünschten Wirkungen zu verhindern?
Bei Überforderung empfiehlt sich ein Projektplan mit konkreten Verantwortlichen, einer Ressourcenplanung. Und auch Anpassungsflexibilität, wenn der Prozess an der einen oder anderen Stelle länger dauert als geplant.
Mit dem Thema Ernüchterung gehe ich folgendermaßen um: Egal welches Punktergebnis bei der GWÖ-Bilanz rauskommt. Ich würdige immer das, was schon vorhanden ist. Ich vergleiche SEMPACT nicht mit den Punkten anderer Unternehmen, sondern richte den Blick auf unsere Zukunft: In welchen Bereichen wollen und können wir uns verbessern? Wenn man das für sich bestimmt hat, dann kann man konkrete Best Practice Beispiele von anderen Unternehmen suchen.
Wenn Konflikte auftreten, ist es wichtig, diesen Raum zu geben. Man sollte sie nicht übergehen, sondern auflösen, ggfs. auch außerhalb vom GWÖ-Prozess oder mit Hilfe eines externen Mediators.
Wie siehst du den Bezug zu unserer CO2-Bilanz?
Unsere erste GWÖ hat mich dazu animiert, das Thema CO2-Bilanz bei SEMPACT im Detail anzugehen. Die Auseinandersetzung mit unserer eigenen CO2-Bilanz hat zu einer neuen Dienstleistung für unsere Kunden geführt. Hier entsteht eine Brücke zu unserem Alltagsgeschäft. Wir entwickeln aus dem GWÖ-Prozess neue Dienstleistungen heraus, schärfen unser Knowhow und entwickeln uns als Team und als Personen.
Quellen:
- https://www.deutschlandfunk.de/gemeinwohl-oekonomie-100.html
- https://www.grundrechte-fibel.de/artikel14-eigentum#:~:text=Artikel%2014%20des%20Grundgesetzes%20legt,vom%20Staat%20nicht%20weggenommen%20werden.
- https://germany.econgood.org/
- https://www.hirschhausen.com/
- https://www.wetell.de/
- https://www.studio-leeflang.com/
