Zwischenspiel - Und plötzlich sagt die Menschheit „ICH“

Es war einmal ein Philosoph. Für ihn war die Erde kein Planet aus Stein, Wasser und ein bisschen Luft, auf dem sich ein paar Milliarden Menschen festkrallten wie Flöhe auf einem Hund. Er sah in der Erde ein Lebewesen, einen lebendigen Organismus. Die Erdkruste war das Knochengerüst, das den notwendigen Halt gab. Der Wasserkreislauf mit Wolken, Regen, Flüssen und Meeren versorgte den Organismus Erde mit den lebensnotwendigen Stoffen wie unser Blutkreislauf. Die Regenwälder hatten die Funktion der Lunge. Wie beim Körper jedes Menschen blieb die Temperatur sehr konstant, solange die Erde nicht gerade etwas Fieber durch den Treibhauseffekt hatte oder eine Unterkühlung wie zur Eiszeit.

Die Welt war im Wandel. Er spürte es im Wasser. Er spürte es in der Erde. Er roch es in der Luft.

Der Philosoph betrachtete die Menschen als das Gehirn der Erde – „The Global Brain“. Die westlichen Kulturkreise waren die linke Gehirnhälfte: eher analytisch, rational, sehr effektiv und zielstrebig. In den östlichen Kulturen sah er die ergänzende rechte Gehirnhälfte: eher ganzheitlich, emotional, bildhaft und auf Balance bedacht wie Yin und Yang.

Besonders spannend war es für den Philosophen, die Entwicklung dieses globalen Gehirns mit den Entwicklungsphasen des Menschen zu vergleichen – vom Embryo bis zum Kind. Dabei legte er besonderen Wert auf die Bedeutung der „kritischen Masse“ und der „Vernetzung“. 

Er beschrieb den Prozess: „Im Mutterleib bildet der Embryo erst wenig Gehirnzellen, nur das Stammhirn und später das Kleinhirn. Erst im letzten Stadium vor der Geburt, ja noch bis circa sechs Wochen nach der Geburt, produziert der kleine Mensch wie wild seine Zellen für das Großhirn, ungefähr 10 Milliarden.“ Der Philosoph machte dabei gerne den Witz: „Fast hat es den Anschein, der kleine Mensch hat sie am Anfang vergessen und muss dann alles nachholen.“

Und mit ernsthafter Stimme fuhr er fort: „Diese Wachstumskurve kennt die Mathematik als e-Funktion (Exponentialfunktion), erst flach, dann wenig und zuletzt ganz steil ansteigend. Eigentlich ist das sehr ökonomisch, denn im Mutterleib gibt es nicht viel Aufregendes zu sehen. Deshalb sind die Zellen auch noch nicht miteinander verbunden. Das ändert sich aber schlagartig nach der Geburt. Jetzt gibt es viel zu sehen, zu fühlen, zu erleben. Jetzt beginnen die Gehirnzellen, sich zu vernetzen, mehr und immer mehr, bis etwa im zweiten Lebensjahr ein entscheidender Augenblick kommt. Das Kind sagt zum ersten Mal ‘ICH‘. Es spricht nicht mehr in der neutralen Form: ‚‘Emma will …‘, ‚‘Paul will …‘, sondern ‚‘Ich will…‘. Es ist die zweite Geburt des Kindes, die Geburt des eigenen Bewusstseins. Dazu bedarf es einer kritischen Masse von Gehirnzellen (circa zehn Milliarden) und einer ausreichenden Vernetzung dieser Zellen.“

Dieses Bild der „zweiten Geburt“ faszinierte immer wieder den Philosophen selbst. Er übertrug das Bild der Wachstumskurve als e Funktion auf die Erde – den blauen Punkt im schwarzen Weltall: Sie „produzierte“ bis zum 18. Jahrhundert nur eine Milliarde Menschen. 1950 waren es schon 2,5 Milliarden und in den letzten 70 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl fast verdreifacht. Heute – im Jahr 2021 - sind wir bei 7,7 Milliarden Menschen.

„Die Vernetzungen sind jetzt besser“, beschreibt der Philosoph heute die Situation. „Die kritische Masse ist erreicht und die Vernetzung der Menschen in vollem Gange. Fernsehen, Internet und Flugzeug, Telefon, Computernetze, vernetzte Wertschöpfungsketten, optische Technologien und neue Lösungen für Mobilität und Logistik schaffen immer neue Verbindungen zwischen den Menschen. Das weltweite Datenvolumen betrug 2018 ungefähr 33 Zettabyte (eine Zahl mit 21 Nullen) und wird allen Prognosen nach bis 2025 auf 175 Zettabyte steigen. Ein Zettabyte sind eine Milliarde Terabytes!

Wie Nervenbahnen werden die Vernetzungen immer dichter und die Verbindungen immer intensiver. Noch vor 35 Jahren gab es viele isolierte Zellen im Gehirn der Erde. Mächtige Grenzmauern, zum Beispiel zwischen Ost- und Westeuropa, in Asien oder zwischen Mexiko, Mittelamerika und den USA, waren fast undurchdringlich. Heute weben die Fäden der globalen Kommunikation und der internationalen Zusammenarbeit das globale Gehirn zusammen. 

Bald wird die Erde ‚‘ICH‘ sagen.“

Begeistert fährt der Philosoph fort: „Die Zeit ist reif für ein globales Bewusstsein. Den Zusammenhang zwischen globalen Emotionen und Veränderung im Erdmagnetfeld haben Wissenschaftler längst nachgewiesen. Das Erdmagnetfeld schwankt und verändert sich stark bei Ereignissen, die die Menschheit tief berühren, was z. B. beim Tod von Lady Di oder bei den Anschlägen vom 11. September 2001 durch ein globales, weltweit verteiltes Mess-System nachgewiesen wurde.“

Die Menschheit beginnt zu begreifen, dass es keinen anderen Ort im Universum gibt, an dem sie leben könnte. Sie begreift, wie grotesk es ist, dass Menschen sich bekriegen oder die Umwelt verschmutzen oder Wälder abbrennen – die ihre einzige grüne Lunge sind und den Sauerstoff für ihren Organismus produzieren. Die unzähligen Grenzen kommen ihr unwirklich vor. Von oben betrachtet sind sie nicht einmal zu sehen, geschweige denn ist zu erkennen, weshalb sich Hunderte Menschen umbringen wegen irgendwelcher imaginären Grenzlinien. Die Menschheit erkennt die Schäden, die sie ihrem eigenen Blutkreislauf zufügt.

Und der Philosoph fährt fort: „Noch handelt die Menschheit nicht, noch fehlt das Bewusstsein, noch sagt sie nicht‚‘ICH‘, ‘ICH will es‘‚‘ICH tue es‘. Überdies scheint sie nicht alt genug, nicht reif genug. Ein Kleinkind lernt Verantwortungsbewusstsein mit seinem ersten Meerschweinchen. Weil es ein neues Gefühl entdeckt – die Liebe. In der Pubertät braucht es neue Wege für ein Miteinander, denn die Erziehung wie in Kindertagen funktioniert nicht mehr. Die Liebe, die Kinder und Eltern verbindet, ist viel tiefer, als uns klar ist. So auch die Liebe zwischen Menschheit und Erde.“

Kommunikation und Beziehungen sind nun gefragt. Wir müssen wieder lernen, unsere Erde zu verstehen, in Beziehung mit ihr gehen.

Die bekannten Effekte zwischen globaler Emotion und Veränderungen im Erdmagnetfeld lassen den Schluss zu, dass sie auch umgekehrt funktionieren können: Durch gezielte Gebete oder Meditationen zum Beispiel könnten Menschen einen positiven Einfluss auf die Erde ausüben. Die Menschheit kann das globale Bewusstsein wieder in Balance bringen, wenn sie synchron und strategisch zusammenarbeitet, um damit einen positiven globalen Wandel zu erzeugen.

Und weil sie nicht sterben wollte, übernahm die Menschheit Verantwortung für ihren gemeinsamen Körper, ihrem Organismus, die Erde.