Danke? Na vielen Dank auch!

… aus der Perspektive eines Vaters

Um Dankbarkeit einer deutschen Teilbevölkerung ist es immer noch schlecht bestellt. Die kann einfach nicht Danke sagen.

Besonders meine Tochter kann das nicht.

Vorige Weihnachten sagte sie zu ihrer Oma, die betont langsam das Geschenkpapier zusammenfaltete (für die nächsten Weihnachten): „Oma, du bist ja immer noch da.“

„Ja“, sagte ich sehr akzentuiert, „deine liebe alte Oma wartet noch auf ein liebes, altes, kleines Wörtchen.“

Jetzt überlegte das beinahe erwachsene Kind, um welches liebe, alte und kleine Wörtchen es sich wohl handeln möge. Dann kam es drauf: „Wieso, muss man jetzt schon ‚‘bitte‘ sagen, damit sie wieder geht?“

Oma war den Tränen nahe. Eine mit den Tränen kämpfende Oma – so was muss ja bei der nächsten Generation Aggressionen freisetzen.

„Ja doch. Ich habe mich ja über das ganze Zeug gefreut, ehrlich“, brüllte das Kind. Omas Antlitz hellte sich auf – gleich würde es fallen, das Wörtchen, das Herzen erwärmt!

„Aber“, setzte das Mädchen hinzu (und in diesem Moment hätte ich meiner Tochter ins Wort fallen müssen. Doch ich war nicht schnell genug, ich habe versagt.). „In jeder Minute verhungern auf der Welt dreißig Kinder. Und was machst du, Oma? Du schleppst hier diesen ganzen muffigen Wohlstandsmüll an. Das ist ja zum Kotzen!“

Zum Kotzen – wer sie kennt, weiß, sie meint es nicht so. Sie meint es sogar ganz und gar anders rum. Zum Kotzen – das ist eben ihre Art, „Danke“ zu sagen. Man muss sich auch mal in die komplizierte Psyche so eines jungen Menschen hineinversetzen. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Jugendliche ihre Zuneigung zumeist in Form verbaler Handkantenschläge ausdrücken; oder nonverbal.

Geschlagen hat das Kind seine Oma am Heiligenabend nicht. Das muss man ihr zugutehalten.

Doch sie riss die eben bescherte reizende Handtasche vom Gabentisch und schrie ihre lang aufgestaute Wut über den globalen Nord-Süd-Konflikt in den Heiligen Abend hinaus: „Made in Taiwan! Oma, schämst du dich nicht? Erst habt ihr diese Menschen zu Sklaven eurer Herrenrasse gemacht …“ Oma klappte den Mund auf, als wollte sie etwas erwidern. Vielleicht wollte sie sagen, dass sie drei Jahre alt am Ende des Krieges gewesen sei und schon deshalb zum Zweiten Weltkrieg keinen strategischen Beitrag hatte leisten können. Aber das hätte ihr auch nichts genützt.

„Und jetzt versklavt ihr diese herrlichen Menschen, indem ihr sie zur Billigproduktion eurer Weihnachtsscheiße presst!“

Ich eilte in die Küche, um für Oma einen Schnaps zu holen. Ein böses Schweigen klang aus dem Wohnzimmer. Dann rief Oma: „Komm rein und versteck dich nicht in der Küche. Ich will, dass du als Vater hörst, was ich deiner Tochter zu sagen habe!“

Zitternd begab ich mich wieder in den Lichtkreis des Gabentisches. Oma würde mir jetzt vormachen, was gegen Undankbarkeit zu tun sei.

Vielleicht würde sie sagen, dass sie zur ersten Nachkriegsweihnacht vier Personen in ihrem Haushalt gewesen wären und sie genau vier Weihnachtsmänner und vier Apfelsinen zugeteilt bekommen hätten.

Das sagte Oma dann doch nicht. Oma sagte: „Weihnachtsscheiße – na gut. Aber Billigproduktion? Billig nennst du diese Handtasche? Kindchen, das ist Rindsleder!“

„Rindsleder?“ jaulte das beinahe erwachsene Kind auf und warf sich auf den Boden. „Ein unschuldiges Tier musste sein Leben lassen, bluten und leiden, damit du mir diese nuttige Tasche an den Hals schmeißen kannst! Ich fasse es nicht!“

Das war vorauszusehen, erst die verhungernden Kinder, dann die geopferten Rinder – so ist es immer, wenn meine Tochter „Danke“ sagen soll.

Kürzlich hatte sie Geburtstag. Ich habe ihr 50 Euro geschenkt. Der Einfachheit halber ich die Summe gleich an die militanten Tierschützer überwiesen. „Na, schönen Dank auch!“ sagte das Mädel.

Na bitte, was will man mehr?